Impuls zur Christmette 2020

Geschrieben am 24.12.2020
von Pfarrer Thomas Gruber


von Pfarrer Thomas Gruber.

Liebe Christmettgemeinschaft am heutigen Heiligabend!

Die heutige Predigt sehe ich eher als persönlichen Impuls. Es soll weniger die große Weihnachtspredigt sein.

Corona führt zu der Ausnahmesituation, in der wir uns gerade befinden. Ich denke jetzt öfters an Worte von Anselm Grün, der sich unzählige Gedanken zum Weihnachtsgeschehen gemacht hat. Vor sechs Jahren war ich auf Grund einer Erschöpfungserkrankung bei ihm im Benediktinerkloster Münsterschwarzach, um mit ihm als Begleiter meinen „persönlichen Lockdown“ zu bewältigen.

Die Gedanken von Anselm Grün passen auch heute sehr gut (veröffentlicht in Weihnachten – einen neuen Anfang feiern, erschienen bei Herder / Freiburg im Breisgau 1999):

Jesus Christus, der Sohn Gottes ist in einem Stall geboren worden.

Das darf auch einmal genauer angeschaut werden.
Gott kommt zu uns. Das ist eigentlich nicht verstehbar. Wer kann das fassen.

Der Gedanke „Gott kommt in unseren Stall“ kann uns viel über unsere Seele, unser Inneres, sagen.

Gott kommt in unseren Stall!

Unsere Seele ist sehr gut mit einem Stall zu vergleichen. Das ist ein reizvoller und vor allem „psychologisch“ ein anrührender Vergleich.

In unserem Stall – in unserer Seele – riechen wir so, wie wir wirklich sind. Da sind wir richtig bei uns selbst zuhause. Dieser Vergleich will provozieren – ja, und doch zugleich auch wieder besänftigen.

Oftmals hört man, Bauernkinder gingen, nachdem sie von der Schule nach Hause gekommen sind, zuerst in ihren Stall – in ihr zu Hause – um zu fühlen, dass sie wieder daheim sind. Das Wort „Stallgeruch einer Familie“ ist kein schlechtes Wort.

Unsere Heimat – ja unsere Seele – ist eben nicht die keimfreie ewig blitzeblank geputzte Stelle in uns.

In unserer Seele sind wir eher wie in unserem Stall.

Ja, da sind wir eher daheim. Da sind die Tiere. Da ist das „wahre Gesicht“, das sich nicht nach außen darstellen und sich nicht immer (als) „sauber“ präsentieren muss.

In unserem Innersten gibt es den Ort, der eigentlich geheim ist, und doch wohnen dort (die) Tiere in uns. Dort wärmt man sich, dort kann nicht alles „ausparfümiert“ werden. Dort sind wir mit all unseren Schwächen, mit unseren Verletzungen, mit unseren Wirklichkeiten. Im Stall „liegt“ unsere Kindheit. Eine keimfreie Kindheit gibt es nicht. Dort ist also unsere Wirklichkeit.

Gott kommt auf die Erde, er nutzt durch das Christkind die Chance, „echt“ zu „seinen“ Menschen zu kommen.

Er kommt nicht in einem sauberen, blank geputzten Palast zur Welt, sondern in einem Stall.

Dort, wo wir nur alles sauber putzen, dort wo wir uns schön sauber zu präsentieren versuchen, da ist er nicht! Sondern dort, wo wir nach uns „selber riechen“. Das klingt wahrlich schon provokant. Doch da ist Gott – an Weihnachten!

Gott ist bei unseren Tieren – in unserer Seele, dort also, wo wir in Wirklichkeit sind.

Anselm Grün fügt zu diesem Gedanken ein wenig versöhnlich hinzu, dass es dann nicht ganz so sein muss, wie es das Weihnachtsgeschehen beschreibt:

Der „Glanz umstrahlte sie alle“, will nicht bedeuten, dass das Licht Gottes nun alles Seelische in uns wie ein greller Blitz förmlich „ausbrennt“. Nein! Wir werden von Gott nicht mit streng scharfem Licht ausgeleuchtet. Mit seinem Licht „belässt“ er uns erst einmal.

Sanft leuchtet das Licht der Gottgeburt in uns hinein.

Er lässt uns zunächst, so wie wir sind, auch mit dem Unansehnlichen, Verletzten, Zertretenen, Verächtlichen, und was es sonst noch alles geben könnte in uns – im Stall unserer Seele.

Er scheint es nur an. Er schaut uns nur an. Aber er wärmt. Wir sind also nicht allein. Das zählt heute gewaltig! Denn nur dann kann auch Veränderung und Heilung in uns wachsen und sich in uns vollziehen. Mit Weihnachten beginnt alles.

Die Vollendung kommt dann an Ostern.

Soweit mein diesjähriger Weihnachtsgedanken – entliehen von Anselm Grün – für diese Nacht. Etwas provokant und  doch auch wieder beruhigend. Herausgesprochen aus meiner „Lockdownzeit“ vor sechs Jahren. Übrigens: An Ostern damals war ich dann auch wieder geheilt und konnte in meiner Pfarrei wieder Dienst tun.