Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.

Geschrieben am 26.09.2020


von Pfarrer Thomas Gruber.

Was meint ihr?

Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte:
Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!

Er antwortete:
Ich will nicht.

Später aber reute es ihn und er ging hinaus.

Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe.

Dieser antwortete:
Ja, Herr - und ging nicht hin.

Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?

Sie antworteten:
Der erste.

Da sagte Jesus zu ihnen:
Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.

Matthäus 21,28-32

Die Geschichte von den zwei Söhnen, in welcher der eine „Ja“ sagt, aber das Gesagte nicht tut, und der andere „Nein“ sagt, dann umdenkt und es doch tut, ist die unbekanntere Erzählung von „zwei Söhnen“ in den Evangelien. Die bekanntere und ausführlichere Erzählung ist die vom verlorenen Sohn und barmherzigen Vater aus dem Lukasevangelium.

Dieses Gleichnis aus Matthäus könnte man mit zwei Sprichwörtern zusammenfassen. Das erste berührt die Oberfläche der Geschichte:

„Nicht das Reden, sondern das Tun ist entscheidend.“

Dieser Satz braucht keine lange Erklärung. Schon in der Politik ist dem Wähler eines Regierungskandidaten völlig klar, dass nicht die schönen Worte entscheidend sind, sondern die Taten, die folgen. Wer etwas tut, und nicht nur mit vielen Worten redet, ist der moralisch Bessere.

Das zweite Sprichwort lenkt den Blick aber dann von der moralischen Aussage, die der erste Eindruck vermittelt, auf ein tieferes Ziel, worauf Jesus auch letztendlich hinsteuert.

Ende gut, alles gut.“

Dieser Satz braucht natürlich eine Erklärung.

Im Gegensatz zum Sohn, der nur „Ja“ sagt, aber das Bejahte nicht tut, lässt der zweite Sohn sich „berühren“. Es heißt im griechischen Originaltext, dass es dem zweiten Sohn leid tut, „Nein“ gesagt zu haben. Der deutsche Text klingt da schon eher ein bisschen nach einer reuigen religiösen Bekehrung („es reute ihn“). Jesus will aber nur andeuten, dass der Sohn innerlich berührt war, und dass diese berührt sein ein Umdenken in Gang gebracht hat.

Die Zöllner und Dirnen, die sich von Gottes Wort berühren lassen, sind am Ende besser dran als die klugen und weisen Schriftgelehrten, die so erhaben sind, dass ihnen nichts mehr leid zu tun braucht.

Jesus will unser Herz, das am Ende immer sagen kann: Ich mache auch Fehler, ich bin nicht der Beste. Und ich weiß, dass es einen Größeren gibt, der mir verzeiht, etwas Größeres gibt, das mir Hoffnung und Zuversicht schenkt.

Wer sich so „anfassen“ und somit berühren lässt, darf immer sagen: Egal, wann es geschieht, am Ende wird es gut.

Wenn wir das Sprichwort in diesem Sinne verstehen, lernen wir, dass wir keinen verurteilen können. Wir wissen nie, wann Gott  einen Menschen „berührt“, den wir in unseren Augen schon „abgestempelt“ (vorverurteilt) haben.

Und wir lernen, dass wahre Umkehr uns zunächst immer auch in ein inneres „Tut mir leid“ führen darf, ja sogar muss. Das bedeutet jetzt nicht, unser Leben nur noch mit einem schlechten Gewissen anzuschauen ist. Das wäre eine pessimistische Interpretation.

Ich denke es positiv: Ein “Tut mir leid“ heißt immer „angerührt sein“ von einem Höheren, von Jesus selbst, der uns dadurch immer auch die Augen öffnet für das Wahre und das eigentlich Schöne in dieser Welt.