Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

Geschrieben am 19.09.2020


von Pfarrer Thomas Gruber.


Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten.

Er sagte zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.

Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen.

Er sagte zu ihnen:
Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig?

Sie antworteten:
Niemand hat uns angeworben.

Da sagte er zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg!

Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter:
Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten!

Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.

Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten:
Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen.

Da erwiderte er einem von ihnen:
Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?

So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Matthäus 20,1-16

„Das ist ja unerhört, das schlägt ja dem Fass den Boden aus. Da arbeiten welche den ganzen Tag, sie müssen schwitzen von morgens bis abends und dann bekommen sie auch nicht mehr als diejenigen, die nur eine Stunde bei der Arbeit waren.“

Das heutige Evangelium, liebe Mitchristen, liebe Schwestern und Brüder, kann wirklich ziemlich befremdlich wirken. Was ist denn Jesus da eingefallen? Ist denn das gerecht?

In Anbetracht von auffälligen sozialen Schieflagen, seien es astronomisch hohe Managergehälter oder sehr unterschiedliche Lohnbezahlungen, muss man bei dem heutigen Evangelium schon ein wenig schlucken. Will Jesus mit seiner heutigen Botschaft sagen, dass wir Christen Ungerechtigkeiten sanft erdulden müssen? Will Jesus, dass wir im Glauben brav die Ungerechtigkeiten dieser Welt geduldig ertragen sollen? Sollen wir Christen also doch nur die braven Duckmäuser unserer oftmals immer ungerechter werdenden Gesellschaft sein?

Nun, liebe Mitchristen, auch wenn das Evangelium heute wieder mal sehr provokant sein mag, so ungerecht ist das Gleichnis nicht! Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass der Gutsherr im Weinberg eigentlich gar nicht so schlecht ist, wie es schien. Er verspricht den am Morgen Angeworbenen einen Denar. Das war (damals zur Zeit Jesu) so viel wie ein Arbeiter braucht, um seine Familie zu ernähren. Die Arbeiter damals in diesem Gleichnis haben nur für einen Tag gearbeitet. Das war ihnen der Tagesunterhalt. Am nächsten Tag mussten sie sich wieder neu bewerben. Wer es nicht schaffte, an diesem Tag Arbeit zu finden, hatte für diesen Tag eben nichts. Das wusste wohl der Gutsherr, und er ging öfters am Tag auf den Markt, um solche Arbeiter zu holen. Man kann mutmaßen, dass er vielleicht vielen helfen wollte, und deshalb am Schluss allen das Gleiche gab, um eben allen einen guten Lebensunterhalt zu gewähren. Er dachte sich wohl: „Diejenigen, die nicht gleich am Morgen eingestellt wurden, können ja auch nichts dafür, dass sie nicht genommen wurden! Die wollten vielleicht, aber es ist ihnen nicht gelungen. Es sollen alle satt werden.“ Dass da ein gewisses Missverhältnis bleibt, kann nicht geleugnet werden. Diejenigen die mehr arbeiten, bekommen nicht mehr, das ist wahr! Doch der Gutsherr wirkt bei dieser seiner Tat nicht mehr so ungerecht, wie am Anfang beschrieben. So gesehen, hat er sehr soziale Züge. Er schaut auf die wahren Bedürfnisse des Einzelnen, er hat ein Herz für die Benachteiligten, er gibt, was der Einzelne braucht, auch wenn es nicht ganz dem Leistungsschema entspricht. Er ist gütig und somit in seiner eigenen Weise gerecht. Diese Güte mag für Menschen, die streng schematisch auf Leistung und Lohn schauen, vielleicht nicht immer gleich gut verständlich sein.

Doch „das mag so gut sein“, denn so ist Gott.

Mit dem Himmelreich verhält es sich so, wie mit diesem Gutsherrn, sagt bereits der erste Satz des Evangeliums, und somit werden wir gleich aufgeklärt, wie gütig Gott ist. Es geht um seine göttliche Güte uns gegenüber. Jesus geht es mit seinem in gewissen Sinn provokanten Vergleich heute klar darum, dass wir Menschen auf dieser Welt erst lernen müssen, diese Güte Gottes zu verstehen!

Sicherlich, wir Menschen auf dieser Welt haben es mit dem Leistungsprinzip zu tun, wir werden nach Leistung bezahlt und belohnt. Das ist unsere menschliche Realität. Jesus rät gewissermaßen mit seinem provozierenden Vergleich, uns von diesem Leistungsprinzip nicht auffressen zu lassen! Wie oft passiert es, dass der heutige Mensch nur noch nach Leistung denkt, in der Arbeit, in der Familie ja sogar schon bei den kleinen Kindern in der Schule und im Kindergarten.

Jesus beruhigt und ermahnt: Gott ist nicht so! Sicherlich sieht er, was wir tun und arbeiten, er sieht unser Bemühen und unsere Fehler. Doch er geht nicht nach dem Leistungsprinzip vor. Jesus spricht durch das Matthäusevangelium hauptsächlich zu Christen, die vorher Juden waren. Gerade bestimmte Juden von damals liefen gerne die Gefahr, leistungsmäßig zu denken. Je mehr Gebete, je mehr gute Werke, je mehr gehaltene Gebote, ... , desto mehr „muss“ mir Gott den Himmel geben.

Die Gebote sind wichtig, um ein gutes Zusammenleben von Menschen und schließlich mit Gott zu gewähren, Gebet ist das Atemholen der Seele, die guten Werke sind die Sonnenstrahlen im tristen Alltag; aber den Himmel erkaufen können wir uns damit nicht! Dazu braucht es die Güte Gottes, die größer ist als unser Rechnen, Machen und Tun. Ohne diese Güte Gottes würden über der Welt nur die Wolken unseres „leistungsorientieren“ Denkens hängen. Gott sei Dank ist Gott nicht streng mathematisch gerecht. Denn würde Gott streng nach Leistung Menschen mit Güte belohnen, wie viel Druck müssten wir dann standhalten.

Liebe Schwestern und Brüder, ein neues Denken schenkt uns Gott heute mit dem Evangelium. Ein neues Denken, dass uns befreien möchte. Es möchte uns frei machen von zu viel vergleichendem Denken. Wie viel Druck setzen wir uns aus, wenn nur noch alles miteinander verglichen wird. Wir können doch nicht alles nach dem Prinzip „besser, schneller, schöner“ vergleichen. Wie viel Unglück beschwören wir herauf, wenn man beim Vergleichen nur noch neidisch auf den Anderen schauen würden (wie die murrenden Arbeiter im Evangelium). Manchmal muss man auch mal dem anderen etwas gönnen können! Gottes Güte will es so.

Gott gönnt heute im Evangelium den Menschen auch sehr viel. Jesus versichert uns ein gütiges Auge Gottes, das gibt, wie der Mensch es braucht. Egal, wann der Mensch von ihm, von Gott, dem Gutsbesitzer auf dem Markt dieser Welt, von seinem göttlichen Wort angesprochen und berührt wird, er gibt mir Güte - Güte, die wir oft gar nicht verdienen.

Amen.