Jesus und der Glaube der heidnischen Frau

Geschrieben am 20.08.2020


von Jutta Hebbeler.

Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief:
Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.

Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten:
Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!

Er antwortete:
Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte:
Herr, hilf mir!

Er erwiderte:
Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.

Da entgegnete sie:
Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Darauf antwortete ihr Jesus:
Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst.

Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Matthäus 15,21-28

Muss Jesus immer gut, gütig und richtig handeln, damit er mein Vorbild, damit er „mein Jesus“ sein kann? Es gibt unendlich viele Bilder von Jesus, die dieses „gütig und richtig handeln“ zeigen.

Wenn Sie in die Suchmaschine ihres Computers „Jesus“ eingeben, werden Sie unzählige Darstellungen finden:

Jesus, den Freund, den Retter,
Jesus, den Messias, den Christus,
Jesus, den hippie-ähnlichen Softie,
Jesus, den Helden,
...

Welches unter all diesen Bildern ist mein Jesus-Bild?
Was ist Ihr Jesus-Bild?

Wir sprechen hier nicht nur über jemanden, der vor 2000 Jahren gelebt hat. Weil in Jesus Gott ganz Mensch wurde, weil Jesus ganz Mensch war, sprechen wir, wenn wir über Jesus sprechen, immer auch über uns selbst, über uns in unserem ganz individuellen Mensch-Sein.

Wenn wir Geschichten von Jesus erzählen und wenn wir diese hören, beschäftigen wir uns mit unseren eigenen Vorstellungen, Träumen, Visionen: Damit, wie wir sind, damit, wie wir sein könnten. Dazu gibt es Texte, die unsere Vorstellungen ergänzen, die ihnen Ecken und Kanten, Klarheit und Schärfe geben.

Der Text aus dem Matthäusevangelium, den wir heute gehört haben, ist so ein Text. Kurz gefasst, lautet das Jesusbild des heutigen Evangeliums: „Jesus lernt dazu“.

Im heutigen Evangelium ist Jesus nicht der geniale Held, er kann und weiß nicht alles – genau wie wir alle. Er ist sogar mal genervt, ruppig und unfreundlich – so wie wir alle. Aber dann öffnet er sich und lässt sich belehren. Er lässt sich den eigenen Horizont erweitern, von dieser nervigen Frau, in dieser nervigen Situation – so wie wir alle ab und zu mal.

Jesus gewinnt eine Einsicht, die sein Handeln von da an verändert. Und das geschieht an einem Ort und von einer Person, die er sich nicht ausgesucht hat. Die Frau, die ihm begegnet, empfindet er sogar als extrem anstrengend. Und so reagiert er dann auch.

Wenn die Geschichten über Jesus nicht nur davon erzählen, was ein konkreter Mensch vor 2000 Jahren erlebt hat, sondern wenn die Geschichten aus den Evangelien auch davon erzählen, was das Idealbild des Menschen ausmacht, dann sagt der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium heute: Ein Mensch muss in den Augen Gottes nicht immer fehlerfrei und perfekt sein – auch nicht immer im Umgang mit den Mitmenschen.

Der Text sagt weiter: Gott erwartet die Bereitschaft zu lernen und die Offenheit, Situationen, die man als unangenehm empfindet, als Chance für die Erweiterung des eigenen Horizonts zu nutzen.

Matthäus macht uns – und vermutlich auch sich selbst – mit dieser Erzählung Mut, er ermutigt uns: Es lohnt sich in einer Situation, in der mich jemand nervt, in der ich mich eigentlich abwenden will, genauer hinzusehen und hinzuhören.

Wir können besonders von solchen Menschen dazulernen, die wir vielleicht erst einmal als fremdartig, eventuell sogar als unangenehm empfinden, für die wir uns aus unserer Komfortzone hinausbewegen müssen, wenn wir mit ihnen in Kontakt kommen.

Wie sieht es bei uns heute aus? Lernen wir dazu?

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Da haben sich in Deutschland Frauen unter „Maria 2.0“ zusammengeschlossen, um eine absolute Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen, bis hin zur Öffnung der Weiheämter für Frauen. Werden diese Frauen von den Nachfolgern der Apostel überhaupt als „nervig“ wahrgenommen? Tritt jemand in offizieller Funktion mit Ihnen in einen Dialog ein? Oder werden sie nur ignoriert?

Sind wir Christen heute in der Lage, neue Einsichten zu gewinnen und unser Handeln zu verändern?

Jesus lebt uns vor:
Zum Mensch-Sein gehört es dazu, Fehler zu machen – und daraus zu lernen.